Nachgefragt bei der Sternwarte Greifswald


Auch von Greifswald aus kann man gekonnt in den Sternen-Himmel blicken.

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Greifswald erhielt bereits vor 240 Jahren, im Jahr 1775, das erste universitätseigene Observatorium am Ryck. 149 Jahre später, 1924, wurde dann die Sternwarte am Institut für Physik der Universität eröffnet – der „wissenschaftliche Blick zum Sternenhimmel“ hat in Greifswald also Tradition.

Dazu Dr. Tobias Röwf vom Greifswalder Sternwarte e.V.: „Die Astronomie hat in Greifswald eine vergleichsweise lange Tradition. Das erste uns urkundlich bekannte Observatorium stand im privaten Wohnhaus von Andreas Mayer in der Greifswalder Martin-Luther-Straße 10.

Mayer, der Astronom, Kartograph, Mathematiker und Architekt des Greifswalder Universitätshauptgebäudes, gehört neben Heinrich Lambert Röhl zu den ersten Astronomen Greifswald, die zum Beispiel die Venus-Transite von 1761 und 1769 beobachteten, um daraus mit ihren europäischen Kollegen den Absolutabstand zur Venus und zur Sonne zu bestimmen.

Im Jahr 1762 begann die erste Astronomie-Vorlesung an der Universität Greifswald. Es gab dann noch eine zweite kleinere Sternwarte im Grauen Kloster, dem heutigen Pommerschen Landesmuseum. Die Sternwarte, die 1775 auf dem mit einem Holzgerüst erweiterten Pulver- oder Fangenturm eingerichtet und von Heinrich Röhl geleitet wurde, war dann natürlich schon etwas größer.“

Traditionsreich geht es im kommenden Jahr weiter: Vor 55 Jahren, am 12. April 1961, flog mit dem russischen Kosmonauten Juri Gagarin zum ersten Mal ein Mensch ins Weltall – eine unvergessliche, beeindruckende Leistung. Dem konnte und kann man sich gar nicht entziehen.

Die Amerikaner zogen dann Anfang Mai 1961 mit einem suborbitalen Flug von Alan Shepard nach, ehe dann German Titow Anfang August 1961 ebenfalls das Weltall „im Fluge“ erkundete. Andere Pioniere der bemannten Raumfahrt waren dann John Glenn 1962, Walentina Tereschkowa, als erste Frau im Weltall, 1963 oder Neil Armstrong 1969 als erster Mensch auf dem Mond.

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Hierzu ergänzend Dr. Tobias Röwf: „Als Mitglied der im Jahre 2014 gegründeten Interessensgemeinschaft Raumfahrt Mecklenburg-Vorpommern möchten wir erwähnen, dass am 3. Oktober 1942 von Peenemünde aus die A4-V2-Rakete auf eine Gipfelhöhe von 84,5 Kilometer stieg und damit erstmals eine von Menschenhand gebaute Einrichtung das Weltall erreichte.

Unter strengster Geheimhaltung entwickelte damals Wernher von Braun mit seinen Ingenieuren und Technikern im Norden der Insel Usedom die Top-Technologien, die später die Mondflüge der USA und Sowjetunion ermöglichten. Eine baugleiche Raketen befindet sich heute im beeindruckenden `National Air and Space Museum` in Washington, DC.“

Die Greifswalder Sternwarte 2015 im Blick

Nachgefragt

Wie beurteilt nun Dr. Tobias Röwf, Vorstandsvorsitzender des Greifswalder Sternwarte e.V., die Bedeutung der Sternwarte Greifswald aktuell?!

Dr. T.Röwf über die astronomische Tradition Greifswalds, den Greifswalder Sternwarte e.V., die Aktivitäten in bzw. um die Greifswalder Sternwarte, weitere Ambitionen und neue Ziele

„Sternwarten sind besondere Orte…“

Dr. Tobias Röwf: Danke für die Steilvorlage, denn wir sind eine Sternwarte, mit der wir in der Nacht die Mondkrater, die Sterne, Planeten, Galaxien und Nebel oder tagsüber auch die Sonne oder Venus beobachten können.

Planetarien, das heißt, Projektionen des Sternhimmels in eine größere Kuppel, gibt es unter anderem in Stralsund, Demmin, Rostock, Schwerin, Hamburg und Berlin.

Es ist unserem seit 1992 bestehenden Verein mit zu verdanken, dass es heute noch den Astronomie-Unterricht im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern gibt. Wir ermöglichen mit einem größeren Instrumentarium der breiten Öffentlichkeit neue Horizonte am nächtlichen Firmament und bilden gleichzeitig begeisterte Hobby-Astronomen aus, die später unsere Führungen in der Kuppel übernehmen.

Ein regelmäßiger Austausch mit den Astronomen in Norddeutschland steht ebenfalls auf dem Programm. Ganz interessierten Jugendlichen können wir bei Eignung auch ein Schülerpraktikum ermöglichen.

Frage: Die Sternwarte Greifswald wurde 2014 runde 80 Jahre. Welche Bedeutung hat diese anno 2015?

Dr. Tobias Röwf: Sternwarten generell sind besondere Ort, die uns die Größe von Raum und Zeit annähernd erahnen lassen oder hätten Sie gewusst, dass wir als Erde auf unserer Reise um das Zentrum unserer Milchstraße schon einmal an derselben Stelle standen, als sich gerade Afrika von Südamerika und Europa von Nordamerika trennte?

Sternwarten überall auf der Welt helfen zu begreifen, dass schon die alten Hochkulturen der Ägypter, Tibeter oder auch der Majas die selben Sterne sahen wie wir – vor Tausenden von Jahren!

Gerade im Computer-Zeitalter wollen unsere Besucher wieder verstärkt die eigene Beobachtung am Okular erleben und beispielsweise die Jupiter-Streifen sehen.

Gehen wir gedanklich Kinder in unserer brasilianischen Partnerstadt Pomerode besuchen, dann werden die Kinder berichten, dass die Sonne dort im Norden ihren Höhepunkt erreicht. Wir wollen Anlaufstelle für alle Astronomie-Interessierte sein und freuen uns über alle Astronomie-Aktivitäten in und um Greifswald.

Auch wenn das Teleskop für sein Alter gut erhalten ist, so bereiten wir als gemeinnütziger Verein gerade die dringend notwendige professionelle Generalrestaurierung des historischen Zeiss-Teleskops vor. Die Universität rekonstruierte unter anderem dankenswerterweise im letzten Jahr unsere Kuppel.

Vor kurzem haben wir mit Besuchen in Potsdam, München und Zürich die vorläufige Lieferantenprüfung abgeschlossen und bereiten nun die technischen Vertragsdetails vor.

Wenn spätestens im Jahre 2023 ein großer Autokran vor dem alten Institut für Physik hält, um unser Ein-Tonnen-Teleskop aus der Sechs-Meter-Kuppel zu heben, dann haben wir bereits eine wichtige Etappe erreicht!

Zum 100. Jubiläum im Jahre 2024 soll alles fertig sein und das Teleskop für die nächsten drei Generationen bereit stehen. Spenden sind herzlich willkommen – vom Kleingeld in den Hosentaschen bis hin zum steuerlich absetzbaren knisternden 500 Euro-Schein. Vielen Dank für die ersten 2000 Euro an Spenden.

Frage: Was ist das ganz Besondere und Einzigartige an der Sternwarte Greifswald?

Dr. Tobias Röwf: Unsere Sternwarte, als Museum zum Anfassen und Mitmachen, besitzt das weltweit einzige Carl-Zeiss-Doppel-Teleskop mit einem 200 Millimeter-Refraktor (Linsenteleskop) und einem 400 Millimeter-Newton-Reflektor (Spiegelteleskop).

Der bekannte Einstein-Turm auf dem Potsdamer Telegrafenberg ist im selben Jahre 1924 eröffnet worden und unser Schwester-Teleskop mit dem 200 Millimeter-Refraktor steht in Aachen. Unsere Balkone in 28 Meter Höhe ermöglichen einen faszinierenden Blick auf die Hansestadt und die Ostsee. Bei gutem Wetter lassen sich mit der größten Brille Greifswalds die Fenster des Schlosses Granitz auf der Insel Rügen erkennen.

Frage: Ihr Verein, Sternwarte Greifswald e.V., ist Träger der Sternwarte. Wie sieht das Engagement Ihres Vereines konkret aus?

Dr. Tobias Röwf: Neben dem Erhalt des Instrumentariums fördern wir die Astronomie. Unsere Mitgliederversammlung entschied zum Beispiel , Herrn Prof. Dr. Manfred Schukowski mit der höchsten Vereinsauszeichnung, dem mit 555 Euro dotierten Mayer-Röhl-Ehrenpreis zu würdigen.

Der 87-jährige Rostocker Schukowski erhielt ihn Anfang September für sein Lebenswerk um die Einführung des Unterrichtsfaches Astronomie in M-V und um die Popularisierung der astronomischen Großuhren.

Frage: Gibt es spezielle Angebote der Sternwarte Greifswald für Schüler, Studenten und allgemein Interessierte?

Dr. Tobias Röwf: Es gibt bei uns in der Regel nach Ankündigung am ersten und dritten Donnerstag Führungen, Vorträge oder Beobachtungen für alle Altersklassen. Natürlich gibt es bei uns auch die Privatführung zu zweit – mit dem geliebten Partner zum Hochzeitstag oder Geburtstag.

Weihnachts- oder auch Frauentags-Feiern in der Sternwarte sind natürlich genauso beliebt. Zu uns kann jeder Interessierte kommen, wir beantworten gern die verschiedensten Fragen.

Am zweiten Donnerstag trifft sich unsere vereinsinterne Arbeitsgemeinschaft Astronomie, zum Beobachten, Reparieren und nicht zuletzt zum Vorbereiten von neuen Vorträgen.

Frage: 2016 jährt sich der erste bemannte Raumflug zum 55.Mal. Gibt es entsprechende Veranstaltungen aus diesem Anlass auch an der Sternwarte Greifswald?

Dr. Tobias Röwf: Ja, wir erwähnen das Thema Raumfahrt regelmäßig in unseren Erklärungen rund um die Astronomie, so beim virtuellen Besuch des Mondes auf unseren Mondgloben und es gibt auch Beobachtungsabende im Vereinskreis, wo wir das Auf- und Untertauchen der ISS am nächtlichen Sternenhimmel gespannt verfolgen.

Wir sind in Verbindung mit Herrn Uwe Schmaling aus Neubrandenburg, der dort in vorbildlicher Art und Weise seit Jahrzehnten die Raumfahrttage betreut und es gibt auch Kontakte nach Peenemünde. Beide Standorte können deutlich stärker als wir die internationale Raumfahrt erlebbar machen. Wir konzentrieren uns daher auf unsere Stärke, das Beobachten der Sterne und das Sensibilisieren für die Astronomie.

Frage: Welche Veranstaltungen sind 2016 auf jeden Fall bei Ihnen geplant?

Dr. Tobias Röwf: Das neue Jahr gehen wir traditionell ruhig mit ausreichend Zeit zur inneren Reflexion und für neue Ideen an, denn wir glauben, dass nur eine gesunde Balance zwischen Aktivität und Erholen langjährige Erfolge sichert.

Deshalb gibt es immer erst nach dem Dreikönigstag (6. Januar) die ersten offiziellen Führungen und Beobachtungen des neuen Jahres.

Im Sommer wollen wir wieder die beliebte Tradition der Musik und des Gesanges in der Sternwarten-Kuppel aufleben lassen und eine Benefizveranstaltung mit Himmelsbeobachtung auf einem Schiff zu Gunsten der Sternwarte ist auch geplant.

Unser Veranstaltungskoordinator Olaf Schmidt, erreichbar unter sternwarte-greifswald@web.de, wird in Kürze eine Liste der astronomischen Höhepunkte für das Jahr 2016 zusammenstellen und um diese herum spannende Vorträge platzieren.

Übrigens: Unsere Veranstaltungen eignen sich auch gut als Lehrerweiterbildung! Oder wußten Sie schon, dass es Polarlichter auch auf Exo-Planeten, das heißt, Planeten außerhalb unseres Sonnensystems, gibt?!

Ansonsten an alle Interessierten: Bitte geben Sie uns Bescheid, wenn Sie jemanden mit Astronomie-Kenntnissen kennen, der einen Vortrag in der Sternwarte halten möchte. Sie schwärmt gerade begeistert von der ältesten Sternwarte aus Indien oder er, ein absoluter Frankreichkenner, kennt sich aus mit alten Instrumenten zur Standortbestimmung auf Schiffen? Ihre australische Nachbarin kennt sich mit den Sternen auf den Flaggen aus? Das sind genau die Leute, die wir brauchen! Wir geben gern didaktische Hilfe oder ergänzen weitere Fakten. Wir freuen uns, wenn Sie uns sagen, was Sie bewegt und worüber Sie gern mehr wissen wollen!

Vielen Dank, weiterhin bestes Engagement für die Greifswalder Sternwarte und immer einen ungetrübten Blick zum Sternen-Himmel!

Kontakt: Greifswalder Sternwarte e.V.

sternwarte-greifswald@web.de

Marko Michels

Fotos/Michels: Die Geschichte der Raumfahrt beinhaltet eine Reihe von Höhepunkten, positive, aber auch negative. In Peenemünde, dorthin unterhält auch die Greifswalder Sternwarte gute Kontakte, gibt es dazu eine interessante Ausstellung.