16 Porträts von Opfern im Dialog mit der Fotokamera

Literatur- und Kulturwissenschaftler Christoph Behrens vom Institut für Romanistik der Universität Rostock hat eine vielfach beachtete Ausstellung nach Rostock geholt. Durch den Kontakt zu seiner Kollegin Dr. Tanja Schwan, Romanistin an der Universität Leipzig, wurde der Rostocker Romanist auf die erstklassige Wanderausstellung mit dem Titel „Derecho de voz(s). (Dein) Recht auf Stimme“ aufmerksam.

Der kolumbianische Fotograf Ricardo Pinzón Hidalgo zeigt 16 beeindruckende Schwarz-Weiß-Porträts von Frauen aller Hautfarben, Gewichts- und Altersklassen, die sexualisierte Gewalt erfahren und durchlitten haben. „Dazu ist das Zusammenspiel zwischen den Porträts und den Geschichten so einzigartig“, unterstreicht Christoph Behrens. „Den Opfern von sexueller Gewalt innerhalb des mehr als 50 Jahre andauernden bewaffneten Konflikts in Kolumbien wird so eine Stimme gegeben. Die Betroffenen zeigen mit der Ausstellung unverwechselbar auf, dass es ihr Recht ist, die Gewalttaten auszusprechen, anzuklagen und gemeinsam Solidarität zu üben.“

Die Ausstellung wird am 6. März im Foyer des Rathauses eröffnet und ist dort bis zum 10. März zu sehen. Anschließend kann sie für einen weiteren Monat bis zum 7. April im Peter-Weiss-Haus besucht werden. Die Stadt, die Universität und das Peter-Weiss-Haus Rostock stellen, so Behrens, als historisch gewachsene Orte emanzipatorischer, sozialer und kultureller Bewegungen einen geeigneten Stopp der Ausstellung dar, die bereits sehr erfolgreich in Madrid und Leipzig zu sehen war.

Besonders imponiert Christoph Behrens der Dialog der Opfer mit der Fotokamera. Hierin würden sich nicht nur die vielen individuellen Facetten jedes einzelnen Gesichtes offenbaren, sondern auch die Stimme erneut laut werden, die angesichts von Leid, Barbarei und Schmähung erst leise, dann stumm geworden war.

„Zu sehen sind Gesichter von Personen, die ein neues Wir gefunden und sich so selbst rehabilitiert haben“, sagt Behrens. Der 27-Jährige leitet zusammen mit Dr. Andrea Zittlau an der Universität Rostock die „Gender/  Queer AG“. Diese ist eine von Student/innen, dem AStA (Allgemeiner Studierendenausschuss) der Universität Rostock, wissenschaftlichen Mitarbeiter/innen verschiedener Fachdisziplinen und Verwaltungsangestellten initiierte Arbeits- und Forschungsgruppe.

Seit 2013 widmet sich die AG den interdisziplinären Gender und Queer Studien nicht nur in der Forschung, sondern auch in verschiedenen (Lehr-) Veranstaltungsformaten, in künstlerischer Praxis und Ausstellungen sowie in hochschul- und regionalpolitischen Kontexten. Grundlage der Arbeit der AG ist die Fragstellung, wie Geschlecht, Geschlechts- und sexuelle Identitäten (LGBTI*Q) im Zusammenhang mit vielen anderen sozialen Einflussgrößen konstruiert werden.

Für Behrens sind die 16 Porträts der Ausstellung nicht nur bewundernswert in Anbetracht der gesellschaftlichen Verhältnisse in Kolumbien, sondern auch beispielgebend für die Situation in unserem Land. Auch in Deutschland sei die Dunkelziffer im Bereich häuslicher und sexualisierter Gewalt erschreckend hoch: Laut Dunkelfeld-Studie des Innenministeriums MV (2015) würden 98,4 Prozent aller Fälle von häuslicher Gewalt und 98,9 Prozent aller Sexualstraftaten nicht bei der Polizei angezeigt. Der Internationale Frauentag am 8. März sei daher der perfekte Anlass, mit der Ausstellung auf diesen Missstand nicht nur global, sondern auch lokal hinzuweisen.

Pressemitteilung der Universität Rostock, Text: Wolfgang Thiel