Nachgefragt bei Dr. Bernd Lukasch

2016 hat längst begonnen – auch für das Otto-Lilienthal Museum in Anklam. Aus dieser vorpommerschen Stadt stammt bekanntlich der Flugpionier Otto Lilienthal, dem vor 125 Jahren der erste Menschen-(Gleit-)Flug gelang.

Wie ist die Situation im Otto-Lilienthal-Museum in Anklam zu Beginn des Jahres 2016?!

Nachgefragt bei Dr. Bernd Lukasch, Museumsleiter

„Sind `ein Personalmuseum` und technisches Museum…“

Frage: Das Otto-Lilienthal-Museum in Anklam ist sehr bekannt… Was ist das ganz Besondere, das Faszinierende am Museum? Warum lohnt sich ein Besuch insbesondere im Lilienthal-Museum?

Dr. Bernd Lukasch: Das Besondere ist vielleicht, dass es kein – wie man ja vielleicht erwarten würde – Flugzeugmuseum ist. Wir sind ein “Personal-Museum” und natürlich ein technisches Museum. Aber es geht um die mit Lilienthal verbundene Geburtsstunde des Menschenflugs und damit um den alten Menschheitstraum, das “irdische Jammertal” zu verlassen und “sich zu erheben”.

Wir behaupten gern, dass Fliegen die wohl einzige technische Erfindung ist, die eine uralte kulturelle Vorgeschichte hat.Und Lilienthal hat den Traum als Techniker und Erfinder weitergelebt: Er dachte sich das Flugzeug als Mittel zur Völkerbegegnung, zur Entwicklung einer Weltsprache und als Mittel zur Erlangung des ewigen Friedens. Dazu passt der Satz von Oscar Wilde: „Auf dieser Welt gibt es nur zwei Tragödien. Wenn Wünsche enttäuscht und wenn sie erfüllt werden. Das zweite ist viel schlimmer.“

Frage: Wie verlief die Entwicklung des Museums in den letzten Jahren? Was waren Ausstellungshöhepunkte?

Dr. Bernd Lukasch: Wir sind mit der Entwicklung des Museums eigentlich recht zufrieden.

Entstanden ist es ja vor 25 Jahren als Ausgründung aus dem Anklamer Heimatmuseum und hat seitdem eine recht gute Entwicklung genommen, die auch vom Land Mecklenburg-Vorpommern sehr unterstützt wurde.

Zu nennen ist der erste „Museum of the Year“-Award, der in unser Land und in die neuen Bundesländer überhaupt ging, oder der Titel „FAI recommended Museum“ der Weltluftfahrtorganisation. Besonders stolz sind wir natürlich darauf, dass die Stadt Anklam nun für das Jahr 2020 die deutliche Erweiterung des Museums und den Umzug in die Taufkirche Lilienthals plant. Seit einigen Jahren nutzen wir die Nikolaikirche im Sommer bereits für Sonderausstellungen.

Frage: Welche herausragenden Ausstellungsstücke besitzt das Museum?

Dr. Bernd Lukasch: Schaut man in unsere Ausstellungshalle, dann stehen im Mittelpunkt Repliken – Nachbauten der Flugapparate Lilienthals. Das hat seinen Grund darin, dass vom Flugzeugbau Lilienthals nur sehr wenig, und das über die Welt verstreut erhalten ist.

Die Rekonstruktion Lilienthalschen Flugzeugbaus war letztlich die Gründungsidee des Museums. Inzwischen haben wir auch bereits Nachbauten an andere Museen und in andere Länder geliefert. Spektakuläre Originale in unserer Sammlung sind die weltweit einzige erhaltene Dampfmaschine aus Lilienthals Produktion, die wir in Australien erwerben konnten, und die heute bei Führungen sogar in Funktion gezeigt werden kann.

Ein anderer überraschender Zugang war eine sensationelle Schenkung der Nachfahren Lilienthals: eine große Sammlung von Flugfotografien, die sein eigenes Archiv zum Ursprung hat. Diese sind nicht nur Dokumente der Fluggeschichte sondern auch der Fotografiegeschichte.

Frage: Welche Veranstaltungen, Ausstellungen und „Events“ sind für das Jubiläums-Jahr 2016 geplant?

Dr. Bernd Lukasch: Am 22. Mai werden wird in der Anklamer Nikolaikirche eine Ausstellung eröffnen, die sich der genannten Sammlung widmet. „Lilienthal auf Fotografien“ wird in großformatigen Reproduktionen (aus gutem Grund wieder keine Originale) das an der Sammlung dokumentierbare Kapitel Fotografie-Geschichte beschreiben.

Zur Ausstellung wird es einen Katalog geben und eine zweite Publikation widmet sich der Technik des Flugzeugbaus mit dem Titel: „Die Flugzeuge Lilienthals“. Das Bundesfinanzministerium wird eine Sondermarke vorstellen und gemeinsam mit dem Deutschen Zentrum für Luft und Raumfahrt (DLR) planen wir etwas sehr Spektakuläres: High-Tech mit Lilienthal: Windkanalversuche in den Niederlanden zur Ermittlung der technischen Daten und damit der Absturzursache Lilienthals. An dem entsprechend präparierten Nachbau arbeiten wir bereits.

Frage: Welchen Stellenwert hat das Lilienthal-Museum in der Museumslandschaft in M-V?

Dr. Bernd Lukasch: Es ist ja eine Spezifik unseres Landes, dass es ein Flächenland ist und damit die großen städtischen Museen rar sind. Vor dem Hintergrund sind die „Personalmuseen“ in kleinen Städten oder Gemeinden eine Besonderheit des Landes. Wir haben immerhin vier im Land, die im so genannten „Blaubuch“ als „kulturelle Gedächtnisorte nationaler Bedeutung“ gelistet sind: Barlach in Güstrow, Schliemann in Ankershagen, Fallada in Carwitz und uns.

Vielen Dank und weiterhin bestes Engagement für Ihr Museum!

Marko Michels