Zwischen Verlogenheit und Heuchelei


Das erste Oktober-Wochenende ist vorüber. 25 Jahre deutsche Einheit und 25 Jahre Bundesland Mecklenburg-Vorpommern wurden gebührend gefeiert und dennoch blieb viel Nachdenklichkeit.

Wer feierte?!

Nachdenklichkeit deshalb, weil politische Protagonistinnen und Protagonisten feierten, die zu Unrecht als Bürgerrechtler und Widerstandskämpfer gelten. Es wurden große Reden geschwungen, die an den Realitäten vorbei gingen – von Menschen, die alles spielen können, nur eines nicht – eine politische Hauptrolle!

Wer wirklich gelitten hat, lebt nicht von großen Sprüchen!“ Das sagte einmal vor knapp 15 Jahren ein Sozialdemokrat aus Vorpommern, der aus politischen Gründen – wegen seines Einsatzes für Freiheit und Gerechtigkeit – zunächst unter den Nazis vier Jahre und dann unter den Stalinisten weitere fünf Jahre inhaftiert wurde. Ein Mann, der sich nie in den Vordergrund drängte, der wirklich litt, aber kämpferisch blieb, der jedoch auch von den neuen eher pseudo-demokratischen Verhältnissen enttäuscht wurde und letztendlich „seine“ Partei, die SPD, verließ.

Warum?! Weil die Verlogenheit, die in den Parteien, Sekundärmedien und im GEZ-TV nur noch anwidert.

Mediale Offenbarung?!

Den „medialen Vogel“ schoss der SPIEGEL-Journalist Stefan Berg ab, der allen Ernstes behauptete, dass die Kirchen in der DDR „Schulen der Demokratie und zugleich Orte gesamtdeutscher Sozialisation“ waren.

Sein Essay „Landung in Deutschland“ im SPIEGEL Nr.41/2015 trieft nur so von Klischees, die längst widerlegt sind. Okay, wenn Herr Berg so etwas erlebt, soll er ein Buch darüber schreiben, es ist nur die Frage, ob solche subjektiven Empfindungen und Erlebnisse in ein Nachrichtenmagazin gehören, das immer den Anspruch hatte, „ein Sturmgeschütz der Demokratie“ zu sein.

Die Kirche „eine Schule der Demokratie“?! Es gab in der sowjetischen Besatzungszone/“DDR“ frühzeitig (ab 1947) die kirchlichen Arbeitsgemeinschaften „Christentum und Sozialismus“, die eine Anpassung der Kirchen an die damaligen Herrschaftsverhältnisse anstrebten. In Mecklenburg gehörten die Pastoren Karl Kleinschmidt, Heinrich Schwarze und Bruno Theek zu deren unmittelbaren Wortführern. Später nannte sich diese Bewegung „Kirche im Sozialismus“, die ein positives Miteinander zwischen Kirche und stalinistischen Machthabern anstrebte.

Der Autor, seit 1970, seit seiner Geburt, Mitglied der evangelischen Kirche machte seine speziellen Erfahrungen mit den DDR-Pastoren, den „Kanzel-Kommunisten“, die im Namen Gottes für den Sozialismus plädierten. Mehr Frevel geht gar nicht.

Aber der Herr Berg suggeriert wieder einmal – nicht zum ersten Mal – dass die Kirchen DIE Oppositionsbewegung in der DDR gewesen seien. Da bleibt nur noch Kopfschütteln!

Klischees nonstop?!

Die nächste Verlautbarung des Herrn Berg ist nicht minder einfältig: „… Ich selbst habe den Unterschied zwischen den indoktrinierenden SED-Lehrern und den lässigen Katecheten und Pastoren in Jeans und Parka als befreiend erlebt…“

Ist ja schön, dass der Herr Berg vom SPIEGEL solche schönen Erlebnisse mit der Kirche hatte, aber auch da bleibt Widerspruch: „Ja, Herr Berg, es gab viele Pädagogen in der DDR – mit SED-Parteibuch – die sich als Propagandisten verstanden. Das gilt aber auch für jene mit Ost-CDU-Parteibuch, mit LDPD-Parteibuch, mit NDPD-Parteibuch und mit DBD-Parteibuch – alles „Blockflöten“. Wer seit spätestens 1952 der Ost-CDU, Liberal-Demokratischen Partei, National-Demokratischen Partei und der Demokratischen Bauernpartei angehörte, wußte genau, dass es sich um prokommunistische Parteien handelte.

Über die Opfer der Gleichschaltung in diesen Parteien bis 1952 berichtete der Autor ausführlich in diesem Magazin oder bei Schwerin-News. Übrigens gilt das auch für die SED, die ebenfalls innerparteiliche blutige „Säuberungen“ vornahm…

Übrigens: Während meiner Schulzeit im mecklenburgischen Städtchen Brüel 1987/1989 gab es einen großartigen Freigeist – mit SED-Parteibuch (! / aber nicht Stasi!) – bei dem wir Schüler unsere Meinung offen sagen durften.

Es gab rege, aufrichtige Diskussionen und kritische Bewertungen zur aktuellen Lage in der DDR. Sogar die in der DDR verbotene russische Zeitschrift „Sputnik“, die sich mit den Verwerfungen im Stalinismus auseinandersetzte, nutzten wir im Unterricht.

Der Mann eckte ständig im „Kollektiv“ an, mußte aber nach der „Wende“ als Erster gehen, während parteilose Mitläufer, Blockflöten aus Ost-CDU, LDPD, SED-„Parteifreunde“ und „Stasis“ dort fleißig weiter unterrichten durften (was auch für willfährige „Parteilose“ gilt). Da war mir schon früh klar, wie nahtlos es im neuen Deutschland weiter gehen würde.

Allerdings hatte ich immer angenommen, dass in einem Deutschland der real existierenden Demokratie eine geistreiche Meinungsfreiheit stattfindet.

Klischee Nummer drei…

Ferner meint ja Herr Berg, dass wir in einem Land „im Überfluss“ leben, in dem es nur an einem, „an Dankbarkeit mangele“.

Wir können uns gern darüber unterhalten, wie „gut“ es den Menschen hierzulande geht. Für Mecklenburg-Vorpommern gilt jedenfalls: 25 Prozent sind von Armut betroffen, mehr als 11 Prozent sind auf SGB II-Leistungen angewiesen, rund 10 Prozent erhalten Arbeitslosengeld 1, dazu das „Heer“ der Ein-Euro-Jobber, der geringfügig Beschäftigten und der Billiglöhner.

Unter den SGB II-Empfängern sind nicht Wenige, deren Gesundheit von DDR-Ärzten zerstört wurden, deren Lebensläufe von Stasi & Co. verbogen wurde und auch im „demokratischen“ Deutschland keine Chance erhalten, weil man in diesem ach so großartigen Land mit Freidenkern nicht umgehen kann. Und SPIEGEL-Gehälter und Minister-Diäten bleiben nur den „Auserwählten“ der „sich selbst Erwählten“ vorbehalten.

Gast(un)freundlichkeit?!

Dieses Land ist gastfreundlich, hat ein Herz für Bürgerkriegsflüchtlinge, für Menschen, die aus politischen und religiösen Gründen in ihren Heimatländern verfolgt werden. Menschen, die mutig sind, gegen Despoten aufzubegehren, die jahrzehntelang auch von Deutschland-Ost oder Deutschland-West unterstützt wurden. Wer diese Menschen angreift, zerstört, was einen wirklichen Menschen ausmacht – Aufrichtigkeit, Toleranz, christliche Nächstenliebe, Solidarität, Verständnis, Offenheit, MENSCHLICHKEIT.

Es ist aber nicht hinzunehmen, dass Menschen, die aus sicheren Herkunftsländern stammen, eine politische Verfolgung vortäuschen, um Sozialleistungen zu erhalten. Wer das so lapidar hinnimmt, zerstört den Rechts- und Sozialstaat. Nicht mehr und nicht weniger!

Sorgen in Richtung „Freistaat Sachsen“ sind also unangebracht. Sorgen sollten eher der naiven Willkommenskultur gelten, wobei die veröffentlichte Meinung nicht der öffentlichen Meinung entspricht, wie seröse Meinungsforschungsinstitute darlegen.

Die Leute – ganz „statistisch“ betrachtet – wählen zudem auch gar nicht exorbitant Links- oder Rechtsradikale, nein, sie gehen gar nicht mehr zu Wahlen, die diesen Namen längst nicht mehr verdienen (Anmerkung: Vielleicht sollten vermeintliche Volksparteien eher ihre Politik hinterfragen, anstatt das eigene Volk zu kritisieren!).

Der Autor war selbst acht Jahre Sozialdemokrat, wendete mich von dieser nach ihrem Linkskurs ab, nahm Kontakt zur CDU auf, wo es nicht minder verlogen zuging.

„Uns geht es gut“?!

„Uns geht es gut“ – das vernehme ich stets, wenn unsere selbst ernannten politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Eliten von „Freiheit“ und „Wohlstand“ schwadronieren, wie jetzt am 3.Oktober. Wenn es „denen“ gut geht, geht es aber längst nicht der Mehrheit gut! Glauben Sie, Herr Berg, auch hier allen Ernstes, dass viele unserer Sponsoren-geschwängerten Mainstream-Medien Realitäten präsentieren. Von einigen „Journalisten“ braucht man in einigen Medien ohnehin nichts mehr zu lesen, wenn man deren Parteibücher kennt.

Unser aktueller Bundespräsident, den ich selbst in einer direkten Wahl nie wählen würde, hat zudem eine seltsame Auffassung von „Freiheit“ und „Demokratie“. Für ihn gilt zwar nicht „Von der Sowjetunion lernen, heißt siegen lernen!“, dafür wohl eher „Von Uncle Sam lernen, heißt gewinnen zu wollen!“. Kaum ein Wort von ihm zu der extremen Spitzeltätigkeit der Amerikaner, deren Unterstützung für Menschen verachtende Regime früher bzw. heute und deren innenpolitische Defizite.

Ich bin kein Freund der aktuellen politischen Administrationen in Russland und den USA, habe dort aber gute Kontakte zu echten Freigeistern, die über einige politische Verlautbarungen hierzulande nur den Kopf schütteln. Was ebenso für die angeblich so großartige deutsche Wirtschaftslage gilt!

Am Ende gab es sogar Heuchelei pur: Super, dass endlich die Opfer des DDR-Dopingsystems eine bessere Entschädigung erhalten. Aber was ist mit den Opfern des westdeutschen, amerikanischen oder kanadischen Dopingsystems?! Wie wir hinlänglich wissen, wurde auch im „Westblock“ auf „Teufel komm raus“ gedopt. Viele Unterlagen dazu sind noch immer unter Verschluss! Aber natürlich waren Westgermanen, US-Amerikaner oder Kanadier mitunter nur schneller als „hoch gedopte“ Russen, Ostdeutsche oder Bulgaren, weil sie Bananen, Westschokolade und West-Cola hatten… Für wie „doof“ wird der gemeine Bürger in Deutschland eigentlich gehalten!

Deutschland hat gefeiert, vielleicht am Ende doch ein wenig zu viel!

Dr. Marko Michels