Ikram Kerwat über ihre boxsportliche Karriere


„Die große Frage, die ich trotz meines dreißigjährigen Studiums der weiblichen Seele nicht zu beantworten vermag, lautet: `Was will eine Frau eigentlich?`“, so der berühmte Psychoanalytiker Sigmund Freud.

„Frauen-Power“ auch im Kampfsport

Tja, was wollen Frauen eigentlich, leben wir doch in einem Zeitalter der „Frauen-Power“. Selbst im Sport erleben wir das Matriarchat, eine „Männer-Bastion“ nach der nächsten wird von den sportiven Frauen und „Mädels“ erobert.

Fechten, Ringen, Judo, Karate, Ju-Jutsu, Taekwondo, Kickboxen oder Boxen – alles Sportarten, in denen auch die Frauen „nicht nur die Hosen, sondern auch das Trikot anhaben“.

Und in Deutschland gibt es zahlreiche anmutige wie erfolgreiche „Aushängeschilder“ der jeweiligen Kampfsportarten, im Fechten Britta Heidemann, die Olympiasiegerin 2008. Im Judo Romy Tarangul, die WM-Dritte 2009. Im Ringen die Weltmeisterin 2014 Aline Focken. Im Karate die Vize-Weltmeisterin 2014 Duygu Bugur. Im Ju-Jutsu die World Games-Siegerin 2005 Sabine Felser. Im Kickboxen die mehrfache Weltmeisterin Julia Irmen. Oder im Boxen die langjährige Weltmeisterin Regina Halmich.

Im Blickpunkt: Ikram Kerwat

Inzwischen erobert eine weitere ambitionierte Athletin den weltmeisterlichen Box-Ring: Ikram Kerwat, Jahrgang 1984, die in Tunesien geboren wurde, aber bereits zwei Jahrzehnte in Deutschland lebt. Eine beeindruckende Sportlerin, die ihre Karriere als Judoka begann, sogar als Zehnjährige afrikanische Meisterin wurde, „nebenher“ schon damals auch boxsportliches Interesse hatte und sich seit Mitte der 1990er Jahre dem Boxen intensiv widmet.

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Um mit Freud zu fragen: „Was will nun Ikram Kerwat?“ Und die Frage lässt sich schnell beantworten: Ikram möchte Profi-Weltmeisterin werden und zwar im kommenden Olympia-Jahr 2016. Ihr Profi-Debüt gab sie dabei am 27. Februar, bezwang die Leipzigerin Sandy Weber durch K.o.. Am 1. August „stieg“ ihr zweiter Profi-Kampf – und wieder siegte Ikram durch K.o. Dieses Mal gegen die Polin Danka Kruczek.

Ikram ist auch in Mecklenburg-Vorpommern keine Unbekannte. Bei den Deutschen Meisterschaften der Frauen und Juniorinnen 2010 in Wismar wurde sie im Weltergewicht Dritte.

Nachgefragt bei Ikram Kerwat

I.Kerwat über ihre ersten Profi-Kämpfe, ihre Faszination am Boxsport, ihre weltmeisterlichen Ziele, das Trainingspensum und ihr Kinder-Glück sowie nicht zuletzt ihre sportive Ernährung

„Der Boxsport vereint alle Voraussetzungen, die wir im täglichen Leben brauchen …“

Frage: Herzlichen Glückwunsch, Ikram, zum zweiten Sieg im zweiten Profi-Kampf. Sie dürften sicherlich äußerst zufrieden mit dem Start Ihrer Profi-Box-Karriere sein – oder?

Ikram Kerwat: Vielen Dank für die Glückwünsche. Grundsätzlich freue ich mich über den geglückten Start in meine Profikarriere mit zwei Siegen durch KO in der ersten Runde. Doch mehr freue ich mich zu spüren, dass die Arbeit mit meinem Trainer Enno Werle an meiner Technik mich von Tag zu Tag weiter bringt. Um mein Ziel zu erreichen ist es wichtig, sich immer weiter zu entwickeln, um den zukünftigen Aufgaben gewachsen zu sein.

Frage: Sie waren einst Judoka, wechselten dann zum Boxsport. Was ist für Sie ganz persönlich das Faszinierende am Boxsport?

Ikram Kerwat: Der Boxsport vereint alle Voraussetzungen, die wir im täglichen Leben brauchen, wie Mut, Ausdauer, Schnelligkeit, Kraft und Gewandtheit. Boxen ist aber auch eine sehr harte und dennoch faire, auf Regeln basierende Auseinandersetzung zweier Sportler. Diese Auseinandersetzung erfordert ein hohes Maß an Konzentration, denn ein Fehler, sei er auch noch so klein, kann schnell meine Gegnerin zum Erfolg führen.

Frage: Wie sieht eigentlich Ihr Trainingspensum aus? Bleibt noch Zeit für ein Leben ohne den Box-Ring? Sie haben ja auch bereits zwei Kinder, die Sie sicher genauso fordern werden, wie der Boxsport…

Ikram Kerwat: Diese Frage wird mir oft gestellt und ich könnte Sie mit einer Gegenfrage beantworten: Fragen sie Millionen berufstätige Mütter, wie sie Arbeit, Familie und Freizeit unter einen Hut bringen. Als Profiboxerin übe ich also einen Beruf aus, der von einem sicher sehr viel an Verzicht abverlangen kann. Es gibt zwei Trainingseinheiten täglich von jeweils zwei Stunden, dazwischen noch Laufeinheiten, Medizin-Checks und Ruhe-Phasen. Aber am Ende zählt auch hier die Disziplin und die Organisation des Tages. So kann man allen Bedürfnissen gerecht werden, denn meine Kinder sind mein ganzes Glück.

Frage: Mecklenburg-Vorpommern ist ja ein traditionsreiches Boxsport-Land. Sie selbst waren hier unter anderem bei den Deutschen Meisterschaften 2010 aktiv. Gibt es in naher Zukunft auch einmal einen Kampf mit Ihnen in „Meck-Pomm“?

Ikram Kerwat: Ich persönlich habe mich 2010 sehr wohl gefühlt in Meck-Pomm und war begeistert von dem fachkundigen Interesse am Boxen. Ich kann mir jederzeit vorstellen, wieder hier zu boxen Allerdings ist das dann eine Frage, die mein Manager Andreas Greiner entscheidet.

Frage: Sie streben 2016 den WM-Titel an. Nächstes Jahr sind zudem Olympische Spiele. Würde es Sie nicht reizen, auch dort zu starten…

Ikram Kerwat: Olympische Spiele sind für jeden Sportler, gleich welcher Sportart, ein Traum. Ich persönlich habe mich jedoch für den geraden Weg als Profi-Boxerin entschieden und mein Ziel klar definiert, 2016 Weltmeisterin zu werden.

Letzte Frage: Eigentlich könnten Sie ja auch als Model aktiv sein… Ernähren Sie sich eigentlich bewußt oder dürfen Sie auch mal exorbitant schlemmen?

Ikram Kerwat: Eine bewusste und gesunde Ernährung war für mich im Zusammenhang mit meinem Sport schon immer wichtig. Dies bedeutet aber nicht, dass man auf alles verzichten muss und dazu gehört auch mal exorbitantes Schlemmen.

Zusammen mit meinem Manager Andreas Greiner planen wir derzeit auch in diesem Zusammenhang ein bundesweites Fitnessprogram unter eigenem Label. Oft fehlt Menschen aus den verschiedensten Gründen heraus der Mut oder der Antrieb, ihr Leben durch Kleinigkeiten zu verändern, um ihre eigenen Ziele durch Sport und Ernährung zu erreichen.

Hierbei geht es nicht nur um die visuell wahrgenommene optische Schönheit eines Menschen, welche ja immer auch im Auge des Betrachters ist. Vielmehr geht es darum, wie ein Mensch sich in seinem Innersten fühlt und ein Mensch, der sich stark, gesund und respektiert fühlt, hat auch immer auf andere Menschen eine positive Ausstrahlung.

Vielen Dank und weiterhin maximale Erfolge innerhalb und außerhalb des Box-Rings!

Die Fragen stellte: Marko Michels.

1.F.: Ikram Kerwat – eine Boxsportlerin mit großem Potenzial, großem Talent und großen Zielen. (Foto © Karsten Kiss / Licht & Linie)

Info:

Frauen-Boxsport und MV

AnneCravaack

In Mecklenburg-Vorpommern wird Frauen-Boxsport mittlerweile seit mehr als zwei Jahrzehnten mit großen Erfolgen betrieben, insbesondere in Greifswald, Wismar, Schwerin, Rostock oder Stralsund. In den 2000er Jahren gehörte die Wismarerin Anne Cravaack zu den erfolgreichsten Boxsportlerinnen aus M-V. Anne gewann dabei Medaillen und Titel bei Landesmeisterschaften und Deutschen Meisterschaften.

Sarah Scheurich

Seit fünf Jahren ist Sarah Scheurich die bekannteste Boxsportlerin in M-V. Die Faustkämpferin vom BC Traktor Schwerin konnte bei Turnieren schon einige Erfolge erkämpfen, war Dritte der Jugend-WM 2011 in Antalya (Mittelgewicht), WM-Teilnehmerin 2012 in Qinhuangdao (Halbschwergewicht), Deutsche Meisterin 2013 (Halbschwergewicht), EM-Zweite 2014 in Bukarest (Mittelgewicht) und Dritte der „Europaspiele“ 2015 in Baku (Mittelgewicht). Sarah hat beste Ambitionen, bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro dabei zu sein. mm

2./3.F. (Michels): Anne Cravaack und Sarah Scheurich – zwei klasse Boxsportlerinnen aus M-V.