Turnsportive Events in M-V und weit darüber hinaus…

Wie schnell doch auch im Turnsport die Zeit vergeht… Gerade noch begeisterten die Turnerinnen und Turner bei den EM in Montpellier sowie bei den Europaspielen in Baku, da warten auch schon die Weltmeisterschaften in Glasgow vom 23.Oktober bis 1.November.

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Im Blick: Das weltmeisterliche Geschehen im Geräte-Turnen

Vor Jahresfrist, bei den WM in Nanning 2014, gehörten die Turnerinnen und Turner aus Russland mit sechs Medaillen, davon einmal Gold, zu den besten Teams. Besser waren nur die USA mit zehn Medaillen, davon viermal Gold, China mit sieben Medaillen, davon dreimal Gold, und Japan mit sechsmal Edelmetall, darunter einmal Gold. Die Amerikanerin Simone Biles begeisterte bei den Welttitelkämpfen mit vier Titeln. Bei den Herren ging der Mehrkampf-Erfolg wieder einmal an Kohei Uchimura aus Japan.

Rückblick: Die WM 2015 in der Rhythmischen Sportgymnastik

In einem weiteren Bereich des Turnsportes – neben dem Geräte-Turnen – fanden die Welt-Titelkämpfe vom 9.September bis 13.September in Stuttgart unter dem Motto „Enjoy your rythm“ statt. In den neun Entscheidungen, fünf in Einzel-Wettbewerben, vier in Team-Wettbewerben) dominierten erwartungsgemäß die Gymnastinnen aus Russland, die achtmal Gold, sechsmal Silber gewannen.

Überragend war wieder einmal Yana Kudryavstseva, die mit dem Team, im Einzel-Mehrkampf, mit dem Ball, mit den Keulen und mit dem Band erfolgreich war. Deren Landsfrau Margarita Mamun konnte sich hingegen Gold mit den Reifen sichern. Die russische Siegesserie in Stuttgart wurde nur von den Italienerinnen durchbrochen. Das italienische Team um Martina Centofanti setzte sich im Team-Wettbewerb mit fünf Bändern durch.

Insgesamt jubelten Gymnastinnen aus sieben Ländern über WM-Medaillen 2015, so Russland, Italien (einmal Gold, einmal Silber), Weissrussland (einmal Silber,zweimal Bronze), Bulgarien (einmal Silber, einmal Bronze), die Ukraine (viermal Bronze), Spanien (einmal Bronze) und Japan (einmal Bronze).

Für die deutschen Gymnastinnen gab es leider kein Edelmetall und (noch) keinen Olympia-Startplatz, den vor allem Jana Berezko-Marggrander anstrebt. Gelegenheit, sich für Rio 2016 zu qualifizieren, gibt es aber noch.

Gymnastik

Blick zum Geräte-Turnen in M-V

Aber nicht nur auf der turnsportlichen WM-Bühne ging und geht es im vorolympischen Jahr 2015 spannend zu, ähnlich ist es beim hiesigen turnsportlichen Geschehen…

Nachgefragt bei Peer Schmidt, Trainer beim Hanse-Turn-Verein Rostock

P.Schmidt über die regionalen und internationalen Turn-Höhepunkte 2015 und seinen Verein, den Hanse-Turn-Verein Rostock

„Viel Idealismus, begeisterte Talente und große Hoffnungen…“

Frage: 2015 ist ein vorolympisches Jahr wieder mit einer WM im Geräte-Turnen. Wie beurteilen Sie das Leistungsvermögen der deutschen Turnerinnen und Turner? Was erhoffen Sie sich von diesen bei den kommenden internationalen Titelkämpfen?

Peer Schmidt: Das eine oder andere Achtungszeichen werden die deutschen Turnerinnen und Turner sicher mit einer guten Platzierung unter den besten 10 setzen. Einen Podiumsplatz zu erreichen, wird aber bei der starken Konkurrenz der anderen Nationen sehr schwer werden.

Die Gesamtentwicklung des Hochleistungssportes im Turnen ist da über die Jahre in den Top-Nationen stark vorangetrieben worden. Auch der DTB war dahingehend die letzten Jahre sehr bemüht, junge Talente wieder an die internationale Spitze heranzuführen.

Nur leider hat das Gerätturnen in Deutschland trotz seiner attraktiven Ausstrahlung einen viel zu geringen Stellenwert und muss als Randsportart bezeichnet werden.
Stundenlang kann man sich auf einem der größten Sportsender im Fernsehen anschauen wie dickbäuchige Biertrinker kleine Pfeile auf eine Scheibe werfen und das Ganze in einem vollbesetzten Haus in der Größe eines kleinen Stadions. Dafür fehlt mir jedes Verständnis!

TV-Beiträge zu nationalen oder internationalen Wettkämpfen im Turnen mit deutscher Beteiligung sucht man das ganze Jahr hingegen vergeblich.

Frage: Vom internationalen Turnsport zum regionalen… Wie verlief die Entwicklung des HTV Rostock in den letzten Jahren? Was waren aus Ihrer Sicht die Highlights für Ihren Verein?

Peer Schmidt: Unser Verein ist am 8.März diesen Jahres 10 Jahre alt geworden. Hervorgegangen aus der ehemaligen Turnabteilung des PSV Rostock e.V. ist es uns gelungen, die vorhandenen Strukturen zu erhalten und wiederzubeleben.

So bieten wir ab dem ersten Lebensjahr sportliche Aktivitäten an, welche auch zunehmend genutzt werden. Über allgemeines Kinderturnen bis hin zu leistungssportlicher Entwicklung junger Turntalente haben wir ein breites Sportangebot für Kinder und Jugendliche auf dem Gebiet des Turnens und der Rhythmischen Sportgymnastik.

Die seit sechs Jahren bestehende und im Verein integrierte DTB-Turn-Talente-Schule stellt dabei das Aushängeschild des Vereins dar. In Kooperation mit den leistungsorientierten Vereinen in Berlin und Brandenburg bestreiten wir mit unseren Turnerinnen im Alter von sechs bis zehn Jahren viele Vergleichswettkämpfe. Höhepunkte stellen dabei die Nord-Ost-Deutschen Meisterschaften und der DTB-TTS-Pokal auf nationaler Ebene dar.

Auf Grund ihres hohen turnerischen Ausbildungsniveaus sind unsere jungen Leistungsturnerinnen entsprechend auch immer wieder gern gesehene Teilnehmer an sportlich kulturellen Höhepunkten in Rostock, wie der Landesturnschau des LTV MV, dem „Feuerwerk der Turnkunst“ oder Messeveranstaltungen im IGA-Park.

Frage: Wie viele Aktive hat eigentlich der HTV? Wie ist die Resonanz bei den jungen Talenten?

Peer Schmidt: Der Mitgliederbestand hat sich über die Jahre stabil auf circa 550 Mitglieder eingepegelt. Zu 90 Prozent sind das Kinder im Vorschul- und Grundschulalter.

Das Turnen ist nach wie vor eine sehr attraktive Sportart für Kinder dieses Alters und erfreut sich hoher Beliebtheit. Immer wieder gelingt es uns auch jedes Jahr fünf bis sechs kleine Talente im Alter von vier bis fünf Jahren zu sichten und in die DTB-TTS aufzunehmen.

Spätestens, wenn die kleinen Sportler und ihre Eltern sehen, was die größeren Turnerinnen alles gelernt haben, springt der Funke und die Begeisterung fürs Turnen über. Für die kleinen Talente und uns Trainer beginnt dann immer wieder ein gemeinsamer Weg über mehrere Jahre.

Viele Höhen und Tiefen werden dann gemeinsam durch schritten. Aber auch wenn es dann am Ende nicht zum Sprung an die Spitze gereicht hat, gehen die Sportler mit stolz geschwellter Brust über ihr Erreichtes ins weitere Leben.

Viele unserer ehemaligen kleinen Sportlerinnen und Sportler finden sich dann auch im Anschluss in anderen Vereinen und Sportarten wieder. Durch ihre bei uns erworbenen guten bis sehr guten sportlichen Voraussetzungen werden sie auch dort immer gerne aufgenommen und entwickeln sich oft zu Leistungsträgern.

Frage: Wie bewerten Sie ansonsten – auch mit Blick über Rostock hinaus – die turnsportliche Entwicklung in ganz M-V?

Peer Schmidt: Es wird viel getan für das Turnen auf breitensportlicher Ebene. Finanzielle Förderungen durch den LSB und die Stadt Rostock werden konstant an die Vereine ausgereicht und ermöglichen eine zufriedenstellende Abdeckung der Betreuung und Anleitung durch Trainer und Übungsleiter auf ehrenamtlicher Basis – oder sogar bei größeren Vereinen, wie dem unseren, mit einem hauptamtlich tätigen Vereinssportlehrer.

Hervorzuheben ist auch die Schaffung von Stadt-Trainerstellen für Leistungssport durch die Stadt Rostock. Eine dieser Stellen wurde auch im Oktober 2013 dem LTV MV zugeteilt, um so die leistungssportliche Entwicklung der Turn-Talente unserer DTB-TTS (Turn-Talente-Schule des Deutschen Turn-Bundes) zu unterstützen. Dafür sind wir der Stadt Rostock natürlich sehr dankbar!

Trotzdem muss man sagen, dass das Leistungsturnen eine sehr aufwendige und trainingsintensive Sportart ist, welche entsprechende Sonderförderungen benötigt.

Fachlich kompetentes und erfahrenes Trainerpersonal in ausreichendem Maße in möglichst hauptamtlicher Anstellung stellt hierbei die größte Hürde dar. Eine Rundum-Betreuung der Aktiven an allen Übungs- und Wettkampfgeräten und ihren sonstigen kleinen oder großen Sorgen ist jedoch Voraussetzung für eine stetige leistungssportliche Entwicklung. Hierfür fehlen aber den Vereinen die finanziellen Mittel.

Insofern gibt es in M-V gegenüber vielen anderen Bundesländern noch einigen Aufholbedarf.

Wir stellen uns trotz dieser unzureichenden Rahmenbedingungen dieser Aufgabe aus reinem Idealismus. Damit sind wir aber auch allein in MV bzw. der einzige Turn-Verein!

Vielen Dank, weiterhin viel Idealismus und bestes Engagement in puncto Turnsport!

Turnen

Weitere Infos zum Geräte-Turnsport:

M-V und das Turnen

Den Medaillen-Anfang machte 1968 die gebürtige Rostockerin Marianne Noack, die 1968 mit der DDR-Riege Olympia-Bronze in Mexiko-City gewann und bei den WM 1970 Silber mit der Mannschaft erkämpfte. Die ebenfalls in Rostock geborene Christine Schmitt, Jahrgang 1953, gehörte 1968 als Ersatz-Turnerin zur olympischen DDR-Turnauswahl. Ihren endgültigen internationalen Durchbruch feierte sie mit WM-Bronze auf dem Schwebebalken 1970.

Mit der Mannschaft holte Christine Schmitt an der Seite von Marianne Noack zudem Silber. Höhepunkt ihrer Karriere war dann noch Olympia-Silber mit der Mannschaft bei Olympia 1972 in München. In München 1972 gewann der Rostocker Reinhard Rychly ebenfalls eine olympische Turn-Medaille. Mit der DDR-Mannschaft errang er Bronze hinter Japan und der Sowjetunion.

Die Hoffmann-Brüder Lutz und Ulf – mit “Neustrelitzer Wurzeln” – setzten die internationalen Erfolge im Kunstturnsport für M-V 1980 bis 1988 fort: Bei den Olympischen Spielen erturnte Lutz Hoffmann mit der DDR-Riege den 2. Platz. Sein jüngerer Bruder Ulf war dreimal auf einem Olympia- bzw. WM-Podest. Jeweils mit den DDR-Teams belegte er bei den WM 1985 und 1987 den Bronze-Rang; bei den Olympischen Spielen 1988 in Seoul gab es sogar Silber.

Drei weitere Turnerinnen aus Rostock konnten ebenfalls an olympischen Wettkämpfen teilnehmen: Christine Thoms, die Ersatz-Turnerin bei den Spielen 1988 in Seoul war als die DDR-Riege Dritte wurde, Kathleen Kern-Stark, die 1992 und 1996 für den DTB startete und Jana Günther, die 1992 olympisch turnte.

Zudem war die gebürtige Neubrandenburgerin Yvonne Pioch Teilnehmerin an den olympischen Turn-Wettkämpfen 1992. Und die gebürtige Ludwigslusterin Brigitte Kiesler war 1952 Mitglied der westdeutschen olympischen Turn-Riege.

Exkurs: Fakten zur Rhythmischen Sportgymnastik

Deutsche Gymnastinnen mit 14 WM-Medaillen

Wenn es auch bei den WM 2015 keine Medaillen für die deutschen Gymnastinnen gab, Podestplätze erkämpfte diese jedoch in der Vergangenheit schon. Gymnastinnen aus Deutschland (DDR, Westdeutschland und vereint) holten bis 2015 insgesamt 5 x Gold, 6 x Silber, 3 x Bronze. Gold errangen dabei Carmen Rischer (3 x WM-Gold 1975 mit dem Band, mit dem Reifen, zusammen mit Mitsuru Hiraguchi/Japan, und, wie erwähnt, im Mehrkampf) sowie Christiana Rosenberg (WM 1975 mit den Keulen und mit dem Ball).

Die ersten WM 1963 in Budapest

Vor 52 Jahren, im Jahr 1963 in Budapest, fanden die ersten Weltmeisterschaften in der RSG statt und 28 Gymnastinnen aus 10 Ländern nahmen an diesen Welttitelkämpfen teil. Für die DDR starteten in der ungarischen Metropole seinerzeit Renata Valkstein, Irene Binder und Ute Lehmann. Drei Entscheidungen wurden in Budapest ausgetragen und dreimal siegte die für die UdSSR startende Ukrainerin Ljudmilla Sawinkowa. Die Sowjetunion erkämpfte in Budapest`63 dreimal Gold, dreimal Silber, einmal Bronze. Bulgarien kam auf zweimal Bronze. Bereits vier Jahre später war dann eine deutsche WM-Teilnehmerin aus der DDR vorn mit dabei.

Die deutschen RSG-Erfolge bei WM

So wurde Ute Lehmann aus der DDR Vize-Weltmeisterin im Mehrkampf in Kopenhagen 1967. Carmen Rischer (Bundesrepublik) durfte dann in Madrid 1975 über WM-Gold im Mehrkampf jubeln, ihre Mannschaftskollegin Christiana Rosenberg über WM-Silber.

Zuvor, bei den zweiten WM 1965 in Prag, brillierte eine Tschechoslowakin, Hana Micechova, mit zweimal Gold und einmal Bronze.

In den WM-Einzelkonkurrenzen mit den verschiedenen Geräten errangen deutsche Gymnastinnen in der Folgezeit, nach 1965, weiteres Edelmetall, so Ute Lehmann 1967 Bronze mit dem Seil, Christiana Rosenberg 1975 Gold mit dem Ball und mit den Keulen und Silber mit dem Band bzw. Carmen Rischer 1975 Gold mit dem Band und mit dem Reifen (zusammen mit der Japanerin Mitsuru Hiraguchi), Silber mit dem Ball und mit den Keulen. (Anmerkung: 1975 nahmen die Länder des Ostblocks nicht an den WM im damaligen „Franco-Spanien“, in Madrid, teil.) Carmen Rischer holte dann – nach ihren großen WM-Erfolgen 1975 – noch eine WM-Silbermedaille 1977 in Basel.

Bianca Dittrich (DDR) wurde 18 Jahre später, 1985 in Valladolid, mit dem Ball WM-Dritte.

Eine zusätzliche Bronze-Medaille sicherten sich die DDR-Gymnastinnen auch im Gruppen-Finale 1973 in Rotterdam.

Deutsche Gymnastinnen und Olympia

Und auch bei olympischen Wettkämpfen in der Gymnastik leisteten deutsche Teilnehmerinnen Herausragendes…

Vor 63 Jahren war dabei die Gruppengymnastik bei den Olympischen Spielen 1952 in Helsinki erstmals im olympischen Programm. Damals siegten die Schwedinnen vor den Russinnen und den Ungarinnen. Brigitte Kiesler, 1924 in Ludwigslust geboren, wurde seinerzeit mit der Bundesrepublik Fünfte im Turn-Mannschaftsmehrkampf und sogar Vierte in der Gruppengymnastik mit Handgeräten (auch mit Westdeutschland).

Und 32 Jahre später, bei den Spielen 1984 in Los Angeles, kam dann die Rhythmische Sportgymnastik endgültig in das olympische Programm – mit dem Einzel-Mehrkampf. Regina Weber (Bundesrepublik) erreichte bei der Olympia-Premiere der Einzel-Gymnastik/Mehrkampf eine hervorragende Bronze-Platzierung hinter der Kanadierin Lori Fung und der Rumänin Doina Staiculescu. Jedoch: Auch die Spiele von 1984 waren – wie jene 1976 in Montreal und 1980 in Moskau – von einem Boykott zahlreicher Länder überschattet.

Last but not least: Die erfolgreichsten Länder bei WM in der Rhythmischen Sportgymnastik sind Russland (mit SU) mit 141 x Gold, 94 x Silber, 55 x Bronze, Bulgarien mit 64 x Gold, 55 x Silber, 48 x Bronze, die Ukraine mit 26 x Gold, 29 x Silber, 35 x Bronze, Weissrussland mit 7 x Gold, 22 x Silber, 35 x Bronze, Italien mit 7 x Gold, 14 x Silber, 6 x Bronze und Deutschland mit 5 x Gold, 6 x Silber, 3 x Bronze. WM-Titel erangen auch Gymnastinnen aus Tschechien (mit CSR / vier), aus Griechenland (vier) und Nordkorea (einen).

Die erfolgreichsten Gymnastinnen in der WM-Geschichte sind Jewgenia Kanajewa (Russland, 2009-2011: 15 x Gold, 1 x Silber) und Yana Kudrjavtseva (Russland, seit 2013: 13 x Gold, 3 x Silber).

In zehn Monaten gibt es aber erst einmal die olympischen Wettkämpfe in der Rhythmischen Sportgymnastik.

Marko Michels

Fotos/Michels: Der Turnsport hat viele Gesichter…